Anne Schloen: Sinn und Sinnlichkeit. In: Family Affairs. Hg. Kunstverein Pforzheim. Berlin: Revolver Verlag 2018. pdf_dt pdf_engl
Barbara J. Scheuermann: Steng Persönlich. In: Family Affairs. Hg. Kunstverein Pforzheim. Berlin: Revolver Verlag 2018. pdf_dt pdf_engl
Bettina Schönfelder: Family Affaris. In: Family Affairs. Hg. Kunstverein Pforzheim. Berlin: Revolver Verlag 2018. pdf_dt pdf_engl
Stefanie Klingemann und Anne Schloen: Interiew mit Anja Ciupka. In: Moff: Künstler im Gespräch Ausgabe 06 2/2012. pdf_dt
Ingo Juknat: Selten Komisch. Die Düsseldorfer Künstlerin Anja Ciupka in der Ausstellung „Asche und Gold“ auf Schloß Moyland. In: K.West Das Kulturmagazin des Westens. No 05 Mai 2012. pdf_dt
Annelie Pohlen: Anja Ciupka. In: Kunstforum International. April 2011. pdf_dt
Necmi Sönmez: From Solid to Liquid. An Interview with Anja Ciupka. In: ArtPulse Magazine. No 3 2010. pdf_dt
Bernadette Collenberg-Plotnikov: Spielräume des Lebens. Dimensionen künstlerischer Heimat- und Sachkunde. In: Tip Top Stop. Installative Kunst. Hg. Maria Wildeis, Köln 2010. pdf_dt
Claudia Posca: Anja Ciupka - Passionate Single. In: Kunstforum International Bd. 192 Jul - Aug 2008. pdf_dt
Barbara J. Scheuermann: Vom Narrativ(ier)en im Werk von Anja Ciupka oder: Was wäre wenn? In: Anja Ciupka. Passionate Single. Hg. Kunstverein Arnsberg 2008. pdf_dt pdf_engl
Necmi Sönmez im Gespräch mit Anja Ciupka. In: Passionate Singele. Hg. Kunstverein Arnsberg 2008. pdf_dt pdf_engl
Rita Kersting: Anja Ciupka. In: Anja Ciupka. Passionate Single. Hg. Kunstverein Arnsberg 2008. pdf_dt pdf_engl
Peter Gorschlüter. In: Kunstpreis junger westen 2007. Hg. Kunsthalle Recklinghausen 2007.
Stefanie Kreuzer. In Compiltation II. Hg. Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 2005.
Peter Gorschlüter. In: Kunstpreis junger westen 2007. Hg. Kunsthalle Recklinghausen 2007.
Die subversive Besitznahme von Raum ist ein wiederkehrendes Motiv im Werk von Anja Ciupka. Beschreibungen und Koordinaten, die einen Raum und seine Begrenzungen definieren, ohne diesen materiell zu besetzen oder nachzubilden, sind meist Ausgangspunkte ihrer künstlerischen Arbeit. Gleichzeitig bilden diese ein Setting: Orte für tatsächliche, erinnerte oder fiktive Handlungen. In der Installation „Skooter“ (2005) stehen sich zwei Auto-Skooter im Ausstellungsraum gegenüber. Ihre Stormabnehmer sind antennenartig verbunden mit einer auf 2,95 Meter von der Decke hängenden, über 120 Quadratmeter großen Konstruktion aus einem Aluminiumgerüst, in das Sechseckgeflecht gespannt ist. Die Verbindung ermöglicht in einem Skooter-Fahrbetrieb die Stromübertragung, die nötig ist, um die Wagen in Betrieb zu setzen. Die leuchtenden Scheinwerfer der Skooter zeigen Fahrbereitschaft an. Trotz fehlender Seitenbegrenzung am Boden definiert die Drahtdecke als Stromleiter gleichzeitig einen dreidimensionalen Raum, der durchschritten bzw. durchfahren werden kann. Die zwei Skooterwagen suggerieren eine Wettbewerbssituation, die Aufforderung zu einem Zweikampf. Die Verlockung ist groß, sich in die
Auto-Skooter zu setzen und loszufahren. Ist es wirklich möglich oder doch nur eine Andeutung? Eben dieses Moment der Versuchung bei gleichzeitiger Verunsicherung des Betrachters ist ein bestimmendes Moment in Ciupkas Werk. Wie weit muss man als Künstlerin gehen, um eine Illusion zu erzeugen? Und wie weit wird der Betrachter gehen, um die Illusion herauszufordern. Die aufwendigen Installationen und Aktionen Ciupkas kreisen um Geschichten, Tatorte und mögliche Ereignisse. Die subtilen Verlagerungen und die künstlerische Vereinnahmung von Orten oder Geschehnissen wecken im Betrachter Erinnerungen und fordern seine Vorstellungskraft heraus. Alles entspricht realen Vorgaben. Doch in ihrer Inszenierung wächst der Zweifel.
Stefanie Kreuzer. In: Compilation II. Hg. Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 2005. Die Werke von Anja Ciupka berühren oftmals auf unterschiedliche Art und Weise die Grenzziehung von Räumen beziehungsweise die Besetzung von Plätzen. Indem die Künstlerin bestimmte Zeichen und Markierungen außerhalb ihrer ursprünglichen Bedeutungen und Funktionen verwendet – wie beispielsweise einen Mast mit Alarmsirene, Fluter und Rundumlicht oder einen Ballfangzaun –, versetzt sie Außenräume in Innenräume und verändert zugleich die Konnotationen der verlagerten Objekte. In der Arbeit Überfall auf Meckis Ranch (2004) dokumentiert sie in einem Video, wie zwei maskierte Personen einen Alarmmast vom Gelände eines Schrebergartens entwenden. Anstatt in das zu beschützende Objekt einzudringen, wird dessen Alarmanlage entfernt. Die Künstlerin dekonstruiert damit sinnbildlich das Territorium, welches durch den Mast als scheinbar geschützter Raum definiert wird. Mit der Aufstellung des Mastes im bewachten Ausstellungsraum führt sie zugleich die Funktion des Objektes als Schutzvorrichtung ad absurdum. In der Installation Ballauffangzaun richtet Anja Ciupka 2004 in ihrem Atelier in der Kunstakademie Düsseldorf einen handelsüblichen Zaun auf, der einen Teil des leeren Raumes in der Weise abtrennt, so daß er nicht mehr vom Betrachter betreten werden kann. Beim Rezipienten löst dies Irritation aus, da die Frage der Grenzziehung in dieser Arbeit explizit aufgerufen wird. Welchen Standpunkt nimmt der Betrachter ein? Befindet sich der Rezipient vor oder hinter dem Zaun? Wird schon allein dadurch, daß sich der Betrachter nur auf einer Seite befindet, eine gewisse Wertigkeit erreicht? Welcher Teil des Raumes ist der abgegrenzte und damit der inszenierte? Bei näherer Betrachtung wird deutlich, daß die Stäbe des Zaunes den Betrachter auf die Innenseite der Installation plazieren – wobei in einer zweiten, nicht realisierten Arbeit der Künstlerin durch die geplante Verlegung der Eingangstür das Verhältnis ins Gegenteil verkehrt werden sollte. In beiden Arbeiten experimentiert Anja Ciupka mit der Reduktion beziehungsweise mit dem Verschwinden des Objektes. Sowohl beim Mast als auch beim Zaun handelt es sich in ihrer physischen Ausdehnung um eher einfache Konstruktionen, denen es aber gelingt, durch ihre Präsenz fast den gesamten Raum einzunehmen und ihn somit auf eine bestimmte Art und Weise erneut zu besetzen. Davon zeugt auch die Arbeit Skooter (2005). Zwei einem laufenden Fahrgeschäft entliehene Skooterwagen stehen auf der spiegelnden, grauen Bodenfläche des Emporensaals der Kunsthalle. In knapp drei Metern Höhe erstreckt sich darüber diagonal in den Raum die in einem Aluminiumrahmen verspannte Fläche eines 9 mal 13 Meter großen Drahtnetzes. Trotz der offenen Struktur des Maschengewebes, die den Blick auf die benachbarten Arbeiten freigibt, nimmt die Konstruktion einen Teil des Raumes ein und definiert die Wahrnehmung seiner Höhe und Ausrichtung neu. Gleichzeitig signalisieren die Skooter durch die fehlende Bodenbegrenzung eine Ausdehnung der Fahrfläche auf den gesamten Ausstellungsraum. Wiederum versetzt die Künstlerin ein Element des Außenraums ins Innere, und zugleich gelingt es ihr, mit einem ephemeren, in seiner physischen Präsenz eher reduzierten Element den gesamten Raum zu dominieren. Die Skooterautos stehen über zwei Stromabnehmer mit dem Drahtnetz in Kontakt, über das auf der Kirmes der Strom für den Betrieb der Wagen zuführt wird. Auch hier thematisiert Ciupka die Problematik von Realität und Fiktion, indem sie die Lampen der Fahrzeuge leuchten läßt. Der Betrachter wird in Versuchung geführt, die Wagen zu besteigen, er möchte wissen, ob die Bedienung des Gaspedals oder der Einwurf eines Chips zum gewünschten Fahrvergnügen führt. Erinnerungen und Emotionen an das auf der Kirmes suggerierte Traumland von Freiheit, Fernweh und Regellosigkeit werden aufgerufen. Die zwei Bumper Cars reichen aus, um alle Vorstellungen des Crashs, des entgegen der Fahrtrichtung und um die Wette Fahrens zu evozieren. An den Strommasten befinden sich die bei Skootern üblichen Nationalflaggen. Auf der Kirmes im Fahrtwind wehend hängen sie nun lose herunter. Die beim Betrachter geweckten Bedürfnisse werden nicht eingelöst, der tatsächliche Funktionszusammenhang bleibt im Verborgenen. Somit wirft die Installation die Frage auf, wie eine bestimmte Illusion erreicht wird oder: Wieviel Wirklichkeit braucht man, um eine Fiktion zu erzeugen?
Rita Kersting: Anja Ciupka. In: Anja Ciupka. Passionate Single. Hg. Kunstverein Arnsberg 2008. Für „One House For Separated Parents And Their Children“ konziperte Anja Ciupka eine Wohnform, in der getrennte Eltern und ihre Kinder zusammen leben können. Es handelt sich um eine grafische Arbeit, die die Künstlerin erstmals 2003 als 3 m hohes Poster an der Wand ihrer Düsseldorfer Akademieklasse präsentierte - darauf die Grundrissmodelle für drei Stockwerke mit den Einteilungen für die Räume, die der Mutter (rot), dem Vater (blau) und den Kindern (gelb) zur Verfügung stehen. „One House...“ ist eine nach innen gerichtete Struktur, eine modellhafte Versuchsanordnung, die völlig kontextlos präsentiert wird. Das quadratische Haus, dessen trennende interne Achse/Treppenhaus auf der Diagonale liegt, wird nicht durch Hierarchien, sondern durch Symmetrie gekennzeichnet. Die modellhafte Darstellung aktiviert in unserer Vorstellung nicht die Funktionen der unbezeichneten Zimmer, sondern ihre Beanspruchung durch die Frau, den Mann oder die Kinder. Die drei Primärfarben betonen die separaten Lebensräume - eine Getrenntheit, die gegenseitige Zugänge nur durch das Treppenhaus oder Kinderzimmer zulässt. Anja Ciupka hat ein ideales Haus entworfen, ein Traumhaus für Realisten mit Kindern, ein Gebäude das strotzt vor Gerechtigkeit und Quadratmeterquote. Das Mischen von Farben würde in diesem Bild die Spielregeln verletzen; ebenso Fragen nach städtebaulicher Einbindung, Sonnenterasse oder Fassadengestaltung. Dass Architektur das Verhalten steuert, und die Konstitution von Gender bestimmt, ist vielfach beschrieben und wird von uns fast täglich erlebt. Aber mehr noch als um einen feministisch motivierten, manifestartig-architektonischen Lebensraum geht es in Ciupkas Entwurf um das konkrete Zusammendenken von Gegensätzen, um ein dialektisches Prinzip, dass die Trennung ebenso fokussiert wie das gemeinsam Mögliche als souveränes, kompromissloses Nebeneinander. Die symmetrische Aufteilung der Lebensbereiche von Frau und Mann in Ciupkas Entwurf erinnert an die von Mies van der Rohe spiegelbildlich konzipierten, getrennten Eltern-Schlafzimmer im Haus Lange in Krefeld. Diese Ende der 1920er Jahre entworfene moderne Einteilung (allerdings mit Verbindungstür) demonstriert eine überraschende Egalität, verlegt jedoch die familiäre Konvention nach draußen: Während der Mann über einen eigenen Balkon verfügt, teilt die Frau den ihren mit den Kindern, zu deren Zimmern (drei) sie über diesen Außenbereich direkten Zugang hat. Auch das Damenzimmer im Erdgeschoß kann in diesem Zusammenhang als Fußangel einer vermeintlich modernen hierarchiefreien Raumkomposition gelesen werden. Innerhalb der fließenden Mies’schen Architektur, bildet das nur kleine Damenzimmer ohne Ausgang nach draußen und mit nur einer Zugangs- und Ausgangsmöglichkeit eine Sackgasse. Die Entwicklung der modernen Malerei und Architektur, die Ciupka in ihrem „One House…“ aufgreift und ihr deutliches Interesse an einem konkreten in die Realität umsetzbaren Modell für eine marginalisierte gesellschaftliche Gruppe (getrennte Eltern mit Kindern), erinnert an die experimentellen, und gleichzeitig systematischen Arbeiten, die der Künstler Dan Graham seit den 60er Jahren realisiert hat. In Zeitschriften oder Skulpturen verbindet er Fragen des privaten und gesellschaftlichen Miteinanders, das er vor allem anhand von Architektur untersucht. Einzelne Gruppen wie Kinder, Kleinfamilien oder Gefangene spielen dabei ebenso eine Rolle, wie Mechanismen der Kontrolle, Überwachungs- und Unterhaltungsmedien, Vergnügungsmuster oder Mann-Frau-Beziehungen. Anders jedoch als Graham, dessen Interesse sich auf die Schnittstelle von privat und öffentlich richtet (in den Häuser- und Closed-Circuit-Arbeiten ebenso wie in seinen Pavillons), spielt der öffentliche Raum in Ciupkas „One House for Seperated Parents And Their Children“ überhaupt keine Rolle. Nicht die Membran, die innen und außen trennt, steht im Vordergrund, sondern die diagonale Mittelachse innerhalb des Hauses, die die Wohnbereiche der Personen voneinander scheidet. Das Außen in diesem Fall ist nicht die Gesellschaft, sondern der Lebensraum der anderen Familienmitglieder. Betrachtet man Grahams Untersuchungen von feudalen bis zu postmodernen architektonischen Strukturen, so stellt man auch bei Ciupka eine kritische Reflexion althergebrachter Lebensentwürfe fest, denen sie hier einen neuen entgegensetzt. Dabei geht sie von dem aus, was einmal als „Kernzelle der Gesellschaft“ bezeichnet wurde und manifestiert den Bruch, der in den meisten Fällen diese einheitliche Zelle zerstört, in architektonischer Form. Ihre neue Raumordnung hat utopische, administrative, politische Merkmale und überwindet Begriffe wie Zuneigung oder Zugewinngemeinschaft. Betrachtet man das Werk von Anja Ciupka, fällt die außergewöhnliche Vielgestaltigkeit und der im Hinblick auf Themen und Medien große Facettenreichtum auf. Nichtsdestotrotz finden sich in „One House…“ Qualitäten, die das Werk der Künstlerin auch insgesamt kennzeichnen, nämlich das Interesse an Körperlichkeit ebenso wie eine Härte, die manchmal in Bedrohlichkeit umschlägt. Vor allem taucht die hier zentrale Trennlinie in anderer Form immer wieder auf, so z.B. in „Ballfangzaun“ (2004). Der spielerische Titel beschreibt eine höchst reduzierte, strenge Arbeit, mit der Ciupka ihren Akademieraum in zwei ungleiche Hälften trennt. Der kleinere, durch den stabilen, engmaschigen, durchsichtigen Zaun abgetrennte Teil ist leer und nicht betretbar. Die industriell hergestellte minimalistische Raumgrenze markiert eine Trennung der ehemaligen Raumeinheit und ist somit der Arbeit „One House…“ sehr verwandt. Die unmittelbare körperliche Erfahrung ist jedoch völlig gegensätzlich, es geht nicht um Information, sondern um eine konkrete Skulptur mit hohem Abstraktionsgrad. Denn trotz ihres Readymade-Charakters und dem damit verbundenen Realitätsbezug – das Zaun-Material erinnert an Einsatzmöglichkeiten an Grenzen, Flughäfen, Baustellen oder Spielplätzen – fehlt der Arbeit jede Spezifität. Ihre Erscheinung als Raumzeichnung, ihre additive Struktur, ihr aggressives Potential entwickelt sie als kompositorischer Eingriff in den Akademie-Raum mit seinen weißen Wänden, klassischen Fenster- und Türformen und nicht zuletzt mit dem zugemauerten Rundbogendurchgang, der durch die Abgrenzung eine fast auratische Rahmung erhält. Der Subjekt-Objekt-Status des Betrachters, die Irritation von Raumsymmetrie, -hierarchie und privilegiertem Standort verbunden mit der Frage nach innen und außen spielen in dieser Arbeit eine zentrale Rolle. Ciupkas minimalistische Intervention ähnelt einer autoritären Setzung, es ist eine – auch in den installativen Details präzise – Raumarbeit, deren Härte und Schönheit ebenso faszinieren wie ihre psychologische Wirkung. Wie konsequent dialektisch die Künstlerin über die Wirkung und Entwicklung des Werks nachdenkt, zeigt ihr Entwurf für ihre Abschlussarbeit an der Akademie, für die sie plante, erneut den Zaun aufzustellen, dann aber mit einer neuen, in die Wand gebrochenen Tür, die zu dem kleinen jetzt unzugänglichen ‚Raum’ führt (nicht realisiert). Dass die Art der Trennung durch das Zugänglichmachen des als Leerraum/Käfig erfahrenen, kleineren Raumteils die Arbeit fundamental ändern würde, und zwar auf eine Weise, die den Blick stärker als den Körper beansprucht, und den Zaun als Skulptur fast unsichtbar macht, sobald auf der anderen Seite Leute ‚ins Bild’ geraten und Beobachtung, Selbstreflexion oder soziale Interaktion stattfinden, das zeigt Ciupkas konzeptuelle Qualität. Die letzte Arbeit der Künstlerin in ‚ihrem’ Akademieraum ist ebenfalls eine minimalistische Intervention, die ohne Opulenz den ganzen Raum beansprucht. In der Mitte des Bodens breitet sich eine kleine Wasserlache aus, in regelmäßigen langen Abständen fällt ein Tropfen von der Decke. Auf dem Steinboden verteilt sich das Wasser unregelmäßig und verdunstet teilweise; ein Teil des zentralen Fensters steht offen. „Ohne Titel“ ist durch Reduktion und Stille gekennzeichnet und nicht nur angesichts der visuellen Aufgeregtheiten anderer Abschlussarbeiten erfreut einen die scheinbare Unmittelbarkeit und Unvermitteltheit der Installation. Anja Ciupkas Eingriff in den Arbeits- und Ausstellungsraum der Akademie trägt eine potentielle Zerstörung, die man sofort spürt, auch wenn die spiegelnde Wasserpfütze als Spiegelbildträger ebenso konstruktive Eigenschaften aufweist. Auffällig – besonders im Gegensatz zum sauberen, von makelloser Industrieästhetik geprägten „Ballfangzaun“ – ist das Schmuddelige, Fehlerhafte und Entropische des Wasserflecks mit seinen unscharfen, matten Rändern – aber auch hier wird eine spannungsvolle Unentrinnbarkeit aufgezeigt, die entfernt an Einzelhaft oder Folter erinnert. Einige Elemente, die in den jüngeren Arbeiten Ciupkas eine Rolle spielen, tauchen bei „Ohne Titel“ erstmals deutlich auf: Der Einbruch einer fremden Sphäre, eine Logik, die nicht der des Ortes entspricht, die Verschiebung von Materialien und Prozessen an Orte, an denen sie nichts zu suchen haben, wodurch es zu fast surrealistischen Begegnungen kommt. Auch illusionistische Aspekte gewinnen in letzter Zeit größere Bedeutung. Hier ist es die Natur, die in die Akademie dringt, das Element Wasser, das im Erdgeschoß auf den Boden der Lehranstalt so überzeugend tropft, dass der Rektor bei der Besichtigung von Ciupkas Arbeit (bei Regen) den Hausmeister rief – eine anekdotische Begebenheit, die eine eher banale Lesbarkeit der Arbeit zeigt, vielleicht vergleichbar mit der Aufregung eines Schalterbeamten der WestLB nach der Ansicht von Ciupkas „Turn Over“, weil die Schafe offensichtlich die Sicherheitsschleuse der Bank überwunden hätten. Manchmal scheint es als wären die starken Bilder von Anja Ciupkas Installationen und Videos nur ein Zwischenergebnis, ein Augenblick in einem Prozess, dessen soziale Dimension eine immer wichtigere Rolle spielt. Alle hier beschriebenen Arbeiten wurden in der Klasse der Akademie entwickelt und installiert, und neben den offensichtlichen räumlichen Bezügen, bilden auch die sozialen Kontexte ein Fundament. Sowohl in „One House..“ als auch in „Ballfangzaun“ spielt das Verhältnis von Ich zum anderen, von Individuum und Kollektiv eine zentrale Rolle. Die Reflexion über die eigene Existenz innerhalb der Studenten einer Akademieklasse findet in der Arbeit mit dem Titel „Anja Ciupka“ ein deutliches und zugleich rätselhaftes Bild. Als sich die Studenten der Klasse nach einer Einladung zu einer Gruppenausstellung in einer Luxemburger Galerie die Plätze aufteilten, bat Ciupka um den Raum auf der Vorderseite der Einladungskarte. Hier, wo normalerweise ein Bild zu sehen ist, ließ sie in schwarzen Kapitalen zwei Worte drucken: Anja Ciupka. Die Erweiterung der Ausstellung auf die begleitenden Drucksachen hatte speziell in den 1960er Jahren Konjunktur, einer Zeit in der viele künstlerische Ansätze, die Anja Ciupka interessiert und weiterführt, entwickelt wurden, Neben den schon erwähnten einflussreichen Arbeiten Dan Grahams gab es Künstler, die den Ausstellungsraum als Material für ihre Arbeiten nahmen (Michael Asher), naturwissenschaftliche oder politische Versuchsanordnungen präsentierten (Hans Haacke) Leere ausstellten (Yves Klein), Pferde ausstellten (Jannis Kounnelis) oder weniger den Galerieraum, sondern die Einladungskarte zum Ort des Kunstwerks machten (Robert Barry). Indem Ciupka ihren eigenen Namen auf der Einladung nicht nur als ‚Bild’ der Gruppenausstellung sondern auch als künstlerischen Beitrag für diese Ausstellung präsentiert, verweist sie auf die Bedeutung des Namens eines Künstlers, der wie ein Logo innerhalb des Kunstbetriebs auftauchen muss, um überlebensnotwendige Aufmerksamkeit zu erhalten. Als Schriftzeichen ist der Name eingängig, wie aber spricht man Ciupka aus? Das Textbild der Künstlerin an diesem Ort erscheint wie eine ‚selffullfilling prophecy’: die Einladung zu ihrer eigenen Einzelausstellung. Neben der Auseinandersetzung mit den Kollegen bzw. Konkurrenten aus der Klasse (alle Ausstellungsteilnehmer sind wie üblich auf der Rückseite der Einladung aufgelistet) sind es vor allen die Konventionen der Kunst und des Betriebs, die Ciupka hier auf scheinbar simple und materiell höchst reduzierte Weise untersucht. Auch in dieser Arbeit steckt eine Bedrohlichkeit, die durch die charmanten A-Endungen von Vor- und Nachname erst einmal unterschlagen wird. Die Kühnheit dieser Arbeit steckt in der Verkleidung als Ausstellungsankündigung: als solche ist sie ein leeres Versprechen, ein Schatten ohne Körper. Rigorose Isolierung bildet ein zentrales Thema in Anja Ciupkas Arbeiten, das von den frühen Arbeiten in Auseinandersetzung mit dem Kontext Akademie an sich fortsetzt bis zu der jüngsten Installation „Passionate Single“. Der Fokus der Künstlerin auf Vereinzelung entwickelt sich aus einem großen Interesse an der konkreten gesellschaftlichen Entwicklung und dem Funktionieren des Sozialen auf persönlicher Ebene. Eine „Solid Order“, so der Titel einer Grundrisszeichnung, gibt es schon deshalb nicht mehr, weil Alternativen existieren. Welche Rolle das Individuum dabei spielt, inwiefern es Motor oder Opfer einer Wandlung der Lebensmodelle ist, darüber denkt man nach der Ansicht von Arbeiten Anja Ciupkas mit neuer Sensibilität nach.
Passionate Single. Necmi Sönmez im Gespräch mit Anja Ciupka. In: Passionate Singele. Hg. Kunstverein Arnsberg 2008.
Necmi Sönmez:
Der Kunstverein Arnsberg hatte anlässlich seines 20-jährigen Jubiläums einen Ausstellungswettbewerb ausgeschrieben. Ziel war es - wie es die Satzung des Kunstvereins festlegt und wie es seit 19 Jahren erfolgreich praktiziert wird - junge Künstler/Innen zu fördern, die mit ihren Arbeiten neue Ideen aufgreifen und ungewöhnliche Experimente wagen, um die verloren geglaubte Verbindung zwischen zeitgenössischer Kunst und Gesellschaft neu zu beleben. Die Jury hat einstimmig für Dein Projekt „Passionate Single" gestimmt. Anja, zunächst erscheint der Titel der Ausstellung „Passionate Single“ rätselhaft. Wie kamst du zu dem Titel der Ausstellung?
Anja Ciupka:
Der Titel „Passionate Single" sollte verführen und zugleich verunsichern. Er ist lustvoll, provozierend aber auch ironisch. Offensichtlich geht es um unterschiedliche Lebensentwürfe, insbesondere im Hinblick darauf, welche Beziehungen wir eingehen, eingehen wollen oder eingehen können. Unser sozialer Kontext, unsere Herkunft, die Werbung und nicht zuletzt vielleicht auch unsere eigenen Bedürfnisse suggerieren uns, dass wir in der Beziehung zu anderen Menschen glücklicher sind. Gleichzeitig wissen wir aber um die Schwierigkeiten und Herausforderungen solcher Beziehungen, die zusätzlich vielen inneren und äußeren Einflüssen unterliegen. Denkt man den Gegenentwurf des absoluten Singles konsequent zu Ende, sieht man sich aber auch unweigerlich mit abgründigen, gefahrvollen oder extrem einsamen Situationen konfrontiert. Der Titel eröffnet ein Spielfeld, das es mir erlaubt, zahlreiche Parameter in Beziehung zu setzten, die miteinander aber auch gegeneinander arbeiten, die Assoziationen auslösen und gleichzeitig unauflösbare Widersprüche spürbar machen.
„Passionate Single" kann aber auch im Hinblick auf das künstlerische Arbeiten an sich und den Ausstellungskontext interpretiert werden. Es handelt sich um eine Einzelausstellung die im Rahmen eines Wettbewerbs anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Kunstvereins „gewonnen" werden konnte. Dieser Katalog ist meine erste monographische Publikation. Die Arbeit als Künstlerin erfordert sowohl Einsamkeit als auch die Wahrnehmung, Beobachtung und Empfindung unserer aktuellen Situation. Die Arbeit eines Künstlers ist leidenschaftlich, manchmal heftigen Neigungen und irritierenden Vorstellungswelten unterlegen. Gleichzeitig erfordert sie einen Rückzug, das Alleinsein und Reflektion.
Es ist eine leidenschaftliche, aber auch sehr individuelle Arbeit.
Necmi Sönmez:
Wie waren deine ersten Eindrücke von den Räumen des Kunstvereins, die in dem von Schinkel erbauten Bürgerhaus früher als repräsentative Wohnung benutzt wurden? Bei deinem Projekt ging es darum, sich von einer klar definierten Raumwahrnehmung zu einer unbestimmten, imaginären Situation hin zu bewegen, um auf etwas zu verweisen,
das die Räume des Kunstvereins offen lassen.
Anja Ciupka:
Bei den Vorbereitungen für eine Ausstellung gehe ich nicht nur von den räumlichen Gegebenheiten vor Ort aus, sondern mehrere Faktoren spielen für mich eine Rolle. Am wichtigsten ist dabei die Entwicklung meiner künstlerischen Arbeit. Hinzu kommt meine Auseinandersetzung mit persönlichen Erfahrungen und der Wahrnehmungen von gesellschaftlichen Phänomen des aktuellen Zeitgeschehens. An dritter Stelle steht dann die Berücksichtigung der kontextuellen und räumlichen Situation vor Ort.
Die Räume des Kunstvereins Arnsberg erfüllen alle Kriterien eines guten Ausstellungsplatzes. Sie sind groß, hell und klar strukturiert. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Elemente einer halbprivaten Situation: Man muss klingeln, eine Treppe hochgehen und durch eine große Wohnungstüre eintreten. Außerdem ergibt sich durch den Grundriss der Räume eine Bewegung durch den Raum -so wie in einer vorgegebenen Choreographie. Ich wollte diese Situation wie eine Bühne oder die Location für einen Film nutzen.
Durch die Ausstellung erschließen sich Stück für Stück Fragmente einer Geschichte,
deren wahres Geschehen offen bleibt.
Necmi Sönmez:
In der Ausstellung war eine bestimmte „Inszenierung“ mit mehreren, gleichzeitig benutzten Medien und Techniken (Skulptur, Video, Zeichnung) wahrzunehmen. Die Inszenierung orientierte sich an der Interpretationskraft des Betrachters und setzte unterschiedliche Strategien fest, die sich alle mit der privaten Erfahrung und Erfassung der alltäglichen Räume, wie zum Beispiel Küche, Schlafraum, Bad beschäftigen. Wie hast Du diese Strategien entwickelt?
Anja Ciupka:
Das ist eine schwere Frage, denn ich glaube nicht, dass man als Künstler rein kalkuliert und logisch Strategien entwickelt, die sich dann durch den Betrachter einlösen. Die Entwicklung eines Konzeptes ist ein komplexer Prozess, bei dem wiederum unterschiedliche Faktoren zusammenspielen: Emotionen, Phantasie, Reflexion, Beobachtungen, Erfahrungen, frühere Arbeiten und neue Arbeitsvorhaben. Ich habe mit dem Titel „Passionate Single" gespielt, in die Grundrisse des Kunstvereins gezeichnet, meine Settings verdichtet, mir Geschichten dazu ausgedacht und am Ende ein für mich schlüssiges Gesamtkonzept erstellt.
Necmi Sönmez:
Du hast im zweiten Raum des Kunstvereins drei Zeichnungen ausgestellt, die Raumauffassungen für eine Familie, einen Single und einen Künstler zeigen. Waren diese architektonischen Zeichnungen „Skizzen" für das Installationsprojekt?
Anja Ciupka:
2003 habe ich die Arbeit „One House for Separated Parents and Their Children" ausgestellt. Ausgangspunkt für die Visualisierung dieser Idee war ebenfalls eine von mir entworfene architektonische Zeichnung, die ich dann in ein Modell übertragen habe. Seitdem befinden sich in meinen Skizzenbüchern immer wieder kleine architektonische Zeichnungen für unterschiedliche Wohnsituationen mit verschiedenen Bewohnern und Raumaufteilungen. Nachdem ich mir die Räume des Kunstvereins Arnsberg angesehen hatte, habe ich angefangen, im Grundriss der Ausstellungsräume meine Ideen für das „Passionate Single" Projekt einzuzeichnen. In diesem Stadium handelte es sich tatsächlich um eine Skizze für das Ausstellungsprojekt. In der Skizze wiederum befand sich aber die Notiz, mehrere meiner bisherigen Grundrissskizzen zu klären und in einem Raum der Ausstellung als unabhängige Zeichnungen (wie in einer Art Architekturbüro) auszustellen. Somit tauchte die Zeichnung „Passionate Single" in der Ausstellung plötzlich als eigenständige künstlerische Arbeit auf und ist zugleich aber auch ein Bild im Bild. Der Besucher sieht beim Betrachten der Zeichnung die aktuelle Ausstellungssituation,
in der er sich zum gleichen Zeitpunkt selbst befindet.
Die beiden anderen Zeichnungen „Solid Order" und „Professional Artist" zeigen weitere Eckpunkte unterschiedlichster Konstellationen. „Solid Order" bezieht sich auf einen Lebensentwurf, dessen Kerngedanke das Familienleben ist. Er ist der Gegenentwurf des „Passionate Single", unterliegt aber im Grunde genommen den gleichen äußeren und inneren Widersprüchlichkeiten. Natürlich verbirgt sich in allen drei Titeln auch Ironie.
Der Begriff „professionell", zum Beispiel, beinhaltet, dass eine Tätigkeit mit einem hohen Anspruch an die berufliche Perfektion ausgeübt wird und assoziiert gleichzeitig die Gedanken des Marktwert und des (Sich)verkaufens. Es ist fraglich, ob dieser Anspruch immer mit dem Ideal der „künstlerischen Freiheit" in Übereinstimmung steht. In der dazugehörigen Zeichnung wird das gesamte Privatleben den beruflichen Ansprüchen untergeordnet.
Necmi Sönmez:
Mit „Solid Order" greifst Du einen Begriff aus Zygmunt Baumans Publikation „Liquid Modernity" auf. Inwiefern spielt der Text „Flüchtige Moderne" im Bezug auf Deine
Arbeiten für Dich eine Rolle?
Anja Ciupka:
Zygmunt Bauman beschreibt in „Flüchtige Moderne" wie die „solide Ordnung" aufgelöst wurde, in der Absicht, eine neue, verbesserte Ordnung zu erstellen. Das menschliche Leben wurde aber zunehmend vor allem durch ökonomische Maßstäbe dominiert. Eine Folge davon war die Demontage sozialer Verbindungen zugunsten menschlicher Handlungsfreiheit. Neue Gesellschaftsentwürfe, die diesen Entwicklungen Rechnung tragen, werden aber nur selten entwickelt. Zygmunt Bauman benutzt die Begriffe „Flüssigkeit" und „Flüchtigkeit" als Metaphern, um das Spezifische unserer Gegenwart
zu beschreiben.
Mir geht es in meinen Arbeiten darum, diese vielfältigen Einflüsse auf unsere heutige Lebenssituation spürbar zu machen und zumindest Denkanstöße für neue Modelle
(quasi auf Probe) zu liefern. Dabei schließt jeder Entwurf das Denken eines
Gegenentwurfs mit ein. Meine Statements sind dialektisch gemeint, offen, flüssig, provozierend und versöhnend zugleich. Ich glaube nicht, dass wir ein ideales Modell
finden werden, aber durch Beweglichkeit im Denken und Handeln können wir uns zumindest reflektierend unserer Situation stellen und uns Lösungen annähern.
Das lässt sich auf viele Gebiete unserer sozialen, ökonomischen, ökologischen, politischen und privaten Situation übertragen. Wir alle kennen die Herausforderungen. Spannend wird es, wenn Alternativen erdacht und erprobt werden. Warum soll nicht auch gerade die Kunst auf diesem Gebiet mitwirken?
Necmi Sönmez:
„Flüssigkeit" als Methaper taucht auch an zwei Stellen in der Ausstellung auf.
In der Kaffeemaschine und bei der Dusche. Wenn man die Espressomaschine als Kommunikationsmöglichkeit mit dem Publikum betrachtet, wären die Dusche und das Hochbett die „intimsten" Ecken der Ausstellung. Sind der Kommunikationswunsch und ausgesuchte Intimität für Dich gegensätzliche Begriffe? Wie kann man dieses gleichzeitig erscheinende und doch gegensätzliche Gedankengut interpretieren?
Anja Ciupka:
Die Kaffeemaschine war mir besonders wichtig. Ich kann Sie mir unabhängig von der Ausstellung in Arnsberg auch in verschiedenen anderen Kontexten als eigenständiges Werk vorstellen. Zum Beispiel habe ich sie mit auf eine Kunstmesse genommen und kostenlos Kaffee ausgeschenkt. Dadurch entstand ein Dialog mit anderen Messeteilnehmern, Käufern, Künstlern und Besuchern der Messe. Die Situation hat sich verkehrt, anstatt etwas zu verkaufen, haben die Besucher etwas von mir bekommen. Auch im Alltag sehe ich Kaffee als eine Art Überlebens- und Kommunikationsmittel.
Die äußere Form der Kaffeemaschine war mir sehr wichtig. Sie ist vollkommen überdimensioniert für einen Single-Haushalt, hat durch ihr Design den Status eines Kultobjekts und steht auf dem extra für sie angefertigten Sockel isoliert im Raum.
In diesem Sinne wirkt sie genauso wie die Dusche und das Hochbett als eine Art Überlebensstrategie. Durch die extreme Höhe des Bettes und das Fehlen der Leiter bietet das Hochbett während des Schlafens Schutz. Gleichzeitig ist es aber relativ schmal,
da es in seinen Maßen nur für eine Person gedacht ist und besitzt keinen Fallschutz.
Das Herabstürzen muss also gleichzeitig mitgedacht werden. Ähnlich ist es bei der Dusche, natürlich ist das Waschen eine intime Handlung. Die Dusche steht aber
exponiert mitten im Raum und ist von allen Seiten einsehbar.
Necmi Sönmez:
Ich habe mich bisher sehr auf den Symbolgehalt der von Dir in Arnsberg gezeigten Objekte bezogen. Gleichzeitig entwickeln alle Deine Arbeiten eine starke unmittelbare Wirkung und funktionieren als autonome Kunstwerke. Worauf kommt es Dir bei der formalen Gestaltung Deiner Arbeiten an?
Anja Ciupka:
Jede Arbeit hat für mich eine innere Logik, dazu gehört auch eine Perfektion und Genauigkeit in den formalen Mitteln. Das Äußere einer Arbeit ist für mich nie Selbstzweck, aber dennoch maßgeblich, da Form und Inhalt untrennbar ineinander spielen. Gleichzeitig gelingt es mir durch die Formensprache, die Arbeit in einen Bereich zu überführen, der sie von einer rein symbolischen, eindeutigen Lesbarkeit wegführt. Es ist mir wichtig, dass jede Arbeit eine unmittelbare Wirkung auf jeden Betrachter hat, egal wir groß sein kunstgeschichtliches Vorwissen ist. Sie sollen nachhaltig ambivalent wirken, zugleich konfrontieren und begeistern, verunsichern und bestätigen. Manchmal geschieht das sehr direkt und deutlich, und manchmal kippt die Wirkung erst langsam mit der Zeit. Die Sitzfläche der Bank im sogenannten „Flur" der Wohnung war zum Beispiel ein ganzes Stück breiter als das übliche Maß einer Sitzfläche. Dauert das Warten (und ich glaube, dass wir fast immer auf etwas warten, und dass das Warten seit Beckett auch nichts von seiner Gültigkeit eingebüsst hat) kann man sich wie in einer Wanderhütte auf der Bank auch ausstrecken und schlafen. Das wird rational nicht sofort von jedem Betrachter erfasst werden, aber es ist sicht- und spürbar.
Necmi Sönmez:
Die Bespielung der Räume, die Intensität der Details und die Einbeziehung der filmischen Elemente haben mir eine fast „surrealistische" Wahrnehmung der Ausstellung ermöglicht. Du hast oft „irreal" wirkende Formelemente oder Überraschungen in deinen Arbeiten verarbeitet. War das in dieser Ausstellung genauso?
Anja Ciupka:
Es ist mein Interesse, an der Schnittstelle zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu arbeiten. Dabei geht es mir aber gar nicht so sehr um traumhafte oder unwirkliche Elemente. Vielmehr möchte ich die Schwierigkeit verdeutlichen, das als real Erlebte in seinem Wirklichkeits- und Wahrheitsgehalt zu erfassen. Was wir vermeintlich als Realität erleben, ist immer auch bedingt durch verschiedene Einflüssen: unsere bisherigen Erfahrungen, Herkunft und Kultur, Bildung, Phantasie, Emotionen, Manipulationen, der physischen und psychischen Verfassung. Mir geht es also nicht um die Erstellung von Traumwelten, sondern darum, diese widersprüchlichen Erfahrungen, die Lücken in einer eindeutigen Interpretation erfahrbar zu machen. Im besten Fall kann sich dadurch das Denken weiterbewegen, können Stereotypen überdacht und verschiedene Sichtweisen erprobt werden. Dieses Moment des Kippens der Wahrnehmung ist vermutlich das, was Du als irreal beschreibst, und wird durch die genaue Anfertigung und Setzung der Skulpturen herbeigeführt. Die Dusche mag beispielsweise auf den ersten Blick wie ein "Readymade" wirken, ist aber vollkommen neu gebaut. Wir sind fast nur von Normmaßen umgeben, es gibt keine handelsübliche Dusche zu kaufen, in die man von allen Seiten hineinsehen kann, die auf einem gefliesten Sockel steht und dann auch noch ununterbrochen läuft. Schon durch minimale Eingriffe beginnt sich unsere Alltagswahrnehmung subtil zu verschieben.
Barbara J. Scheuermann: Vom Narrativ(ier)en im Werk von Anja Ciupka oder: Was wäre wenn? In: Anja Ciupka. Passionate Single. Hg. Kunstverein Arnsberg 2008
Aus voller Fahrt zum Halten gekommene und von ihren Fahrern mitten auf der Fahrfläche verlassene Autoskooter sind ein von der Kirmes durchaus vertrauter Anblick. Nur stehen sie im Falle von Anja Ciupkas Arbeit „Skooter“ (2005) nicht auf der metallenen Fläche eines von Musik beschallten und mit fahrfreudigen Besuchern bevölkerten Jahrmarktfahrgeschäftes, sondern auf dem glatten Boden eines stillen Ausstellungsraumes. Ire Stromabnehmer sind mit einem von der Decke hängenden, über 120 Quadratmeter großen Gittergeflecht verbunden, das in einen Aluminiumrahmen gespannt ist. Es gibt keine Verkaufsbude, keine Musik, keine blinkenden Lichter, ja, noch nicht mal eine Seitenbegrenzung, die die Fahrfläche bezeichnen würde. Sie wird allein durch das Deckengitter und die Positionierung der beiden Autoskooter definiert oder eher: angedeutet.
Diese weitgreifende Einnahme des Raumes, ohne ihn tatsächlich als solchen zu markieren, ist beispielhaft für Ciupkas künstlerische Arbeit. Ähnlich geht si in ihrer Installation „Ballfangzaun“ (2004) vor, die einen Raum der Kunstakademie Düsseldorf zu ungleichen Teilen mit einem fast deckenhohen Gitter trennt, das so den größeren, betretbaren Teil als Spiel- oder Aktionsfeld besetzt. Weitere Hinweise werden hier nicht gegeben. Bei „Skooter“ jedoch stehen zwei Boxautos bereit. Ihre Scheinwerfer leuchten und signalisieren damit: die Fahrt kann gleich (wieder) losgehen. Man müsste nur einen Chip kaufen, sich in einen der Skooter setzen und den Chip in den Schlitz werfen, um loszulegen. Nicht jeder Ausstellungsbesucher mag tatsächlich erwarten, gleich einen Chip ausgehändigt zu bekommen, um eine Spritztour durch den Ausstellungsraum machen zu können, aber ohnehin ist hier das Entscheidende: die Idee ist plötzlich da – was wäre wenn?
Aufgestellt sind die Wagen schräg hintereinander, womöglich bereit zum Zweikampf, zur nächsten Wettfahrt, oder gerade mitten in der letzten Wettfahrt langsam ausgelaufen, denn die Fahrt mit dem Autoskooter ist zeitlich begrenzt und kann nur mit dem Kauf des nächsten Fahrchips wieder aufgenommen werden. Ist es Zufall oder Absicht, dass der Wagen mit der deutschen Fahne hinter demjenigen mit der amerikanischen Fahne zum Stehen gekommen ist?
„Skooter“ zeichnet sich weniger durch ein Moment des Erzählens aus, als vielmehr durch ein Moment des Zeigens – eine Geschichte wird hier nicht dargestellt, sondern angedeutet, und dies mit sehr wenigen Mitteln. Allein der Anblick der beiden Skooter ruft eine Vielzahl von Assoziationen und Erinnerungen hervor. Der weitaus größte Anteil an der Konstruktion einer möglichen Erzählung bleibt dem Betrachter überlassen, der aufgrund der Abwesenheit eines Protagonisten womöglich gleich selbst zum Helden seiner Story wird. Die Beschreibung des Werkes als „narrativ“ würde also zu kurz greifen.
„Narrativität“ kann als kognitives Schema aufgefasst werden, das der Betrachter anwendet, um bestimmte im Werk gegebene Sachverhalte zu erklären.[1] Dieses Einbinden auch von an sich unzusammenhängenden Faktoren in eine Geschichte scheint tatsächlich ein Grundbedürfnis oder vielleicht eher: ein Reflex des Menschen zu sein, um vorgefundene Gegebenheiten aufzunehmen und zu „verstehen“. So lässt sich auch erklären, „dass die Narrativität eines konkreten Werks ‚schemenhaft’ bleiben mag und es dennoch narrativ gelesen werden kann, auch wenn es sich um nicht erzählervermitteltes fiktives Erzählen handelt”[2], wie im Falle von Anja Ciupkas „Skooter“. Obwohl die Künstlerin nur einen der drei für eine Erzählung wesentlichen Parameter Zeit, Raum und Handlung verwendet – nämlich den Raum und diesen noch nicht einmal klar umrissen -, ist der Betrachter sofort bereit, eine Geschichte, oder wenigstens Bruchstücke einer solchen, zu suchen. Die narrativen Fragmente, die die Künstlerin zur Verfügung stellt, befriedigen das mögliche Bedürfnis nach einer kohärenten und linearen Erzählung nicht, vielmehr regen sie dazu an, eigene Antworten (und Fragen) zu finden. Abhängig von Persönlichkeit, Erfahrung und Stimmung wird diese Geschichte notwendigerweise bei jedem Betrachter anders ausfallen.
Einer klassischen Erzählung am nächsten kommt die Künstlerin womöglich in „Überfall auf Meckis Ranch“ (2004). Das achtminütige Video zeigt nach einer Ansicht bei Tage eine Nachtaufnahme des Schrebergartens „Meckis Ranch“ Zwei maskierte Gestalten brechen in den Garten ein, womit sie einen Alarm mit ohrenbetäubender Sirene, Flutlicht und Rundumbeleuchtung auslösen. Doch anstatt zu flüchten oder den Alarm fachmännisch auszuschalten, um den Überfall ungestört ausführen zu können, stehlen sie den Mast, an dem der Alarm samt Lampe befestigt ist.
Die Geschichte weist ganz konventionell einen linearen Zeitablauf, einen erkennbaren Raum und zwei handelnde Akteure auf. In den Mittelpunkt stellt die Künstlerin jedoch den entwendeten Mast: präsentiert wird das Beweisvideo im Ausstellungsraum nämlich mitsamt dem corpus delicti.
Wie in „Skooter“ oder „Ballfangzaun“ überführt Anja Ciupka auch in dieser Arbeit alltägliche Objekte aus dem Außenraum in den Innenraum und verwandelt sie mit Hilfe weniger Eingriffe in Projektionsflächen für Assoziationen und Verdachtsmomente. In „Überfall auf Meckis Ranch“ gibt die Künstlerin dem Verlangen des Betrachters nach Erklärungen jedoch scheinbar nach, indem sie dem Alarmmast ein vermeintliches Dokumentarvideo beifügt. Allerdings wirft das Video viele Fragen auf: Was verbirgt sich in dem Schrebergarten „Meckis Ranch“, das die Installation eines solch aufwändigen Alarmsystems nötig macht? Warum haben die Einbrecher den Alarmmast – und sonst nichts – gestohlen? Ist womöglich die Bewachungsanlage wertvoller als das Gebiet, das sie bewacht? Wer hat die Einbrecher bei ihrer Aktion gefilmt? Und wer brachte das gestohlene Objekt in den Ausstellungsraum? Führt letztere Frage nicht schließlich zu dem Verdacht, dass die Künstlerin an dieser eigenartigen Aktion, die einer Mutprobe gleicht, aktiv beteiligt war? Und wenn ja, in welcher Rolle – als Filmerin oder als Einbrecherin?
Unter dem Gesichtspunkt logischer Erklärungsversuche führen diese Überlegungen in eine Sackgasse – den Alarm einer Schrebergartenanlage zu entwenden und als Trophäe auszustellen, entbehrt jeglicher Vernunft und ist in keiner Hinsicht einleuchtend. Als Betrachter muss man sich von der Erwartung verabschieden, dass die Narrativierung, also das Schließen der gegebenen erzählerischen Lücken durch eigene Denkleistung, zu einem inhaltlich sinnvollen Ergebnis führt. Man meint die Schwelle förmlich zu spüren, über die man an genau diesem Punkt – an dem die Erzählung als dysfunktional erkennbar wird – das unsichere Terrain der Kunst betritt. Auf diesem Terrain gelten Fragen nach Logik und Kausalzusammenhängen nicht mehr, geschweige denn dass Antworten geboten würden. Man löst am besten gleich die Füße ein wenig vom unebenen Grund und versucht nun in die Zwischenräume zu gelangen, die sich in den narrativen Lücken ergeben.
Die erzählerische Lücke, die Leerstelle, macht Anja Ciupka explizit in ihrer Arbeit „The Ritz“ (2005) zum Thema. Ähnlich wie in „Überfall auf Meckis Ranch“ werden hier ein auf dem Boden stehender Monitor gemeinsam mit einem zentralen Objekt aus dem dort gezeigten Video präsentiert, der Leuchtschrift „The Ritz“ des gleichnamigen Hotels in London. Vom Lesen der gleißenden Schrift geblendet, kann der Betrachter erst nach einigen Augenblicken den Raum um sich und das Video erkennen, das Prinz Charles und seine langjährige Lebensgefährtin Camilla Parker Bowles bei ihrem ersten gemeinsamen öffentlichen Auftritt 1999 vor dem Londoner „Ritz“-Hotel zeigt. In dem achtminütigen Video werden die Aufnahmen dieses von der Öffentlichkeit weithin wahrgenommenen Ereignisses präsentiert, die nur in Zeitlupe abgespielt werden konnten, weil sie vom Blitzlichtgewitter der anwesenden Fotografen so überstrahlt wurden, das bei normaler Ablaufzeit buchstäblich nichts zu erkennen war. Selbst ohne die Störung der extremen Blendungen durch die Blitzlichter wäre allerdings nur ein Bruchstück aus der ganzen Geschichte zu sehen. Ohne das Hintergrundwissen um das Drama um den Prinzen und seine Frauen kann der Betrachter mit diesen Bildern nichts anfangen. Erst das sich in den Blitzlichtern ausdrückende hysterische Interesse der Öffentlichkeit verwandelt das denkbar banale Geschehen – Mann und Frau steigen aus einem Auto und betreten ein Hotel – in eine „Story“.[3]
Ironischerweise bringt dieses Interesse der beim Ereignis anwesenden Zuschauer die Geschichte zum Verschwinden: je mehr sie sehen wollen und je mehr sie versuchen die Geschichte zu dokumentieren, also festzuhalten, desto mehr entgleitet sie ihnen und wird schließlich beinahe unsichtbar. Dem Betrachter im Ausstellungsraum widerfährt ähnliches:
Mit dem Wechsel von Hell und Dunkel und dem Einsatz von künstlichem Licht arbeitet Anja Ciupka auch in der Installation „blackout“ (2007). In einer black box präsentiert die Künstlerin das zwanzigminütige Video, das bei gleichbleibender Kameraeinstellung eine mit einer 80 Meter langen Lichterkette geschmückte Tanne nachts auf einer Waldlichtung zeigt. Das mit einer im Night-Shot Modus einer Videokamera aufgenommene, schwarzweiße Bild wird von dem lauten Knattern eines Generators begleitet, der die Lichterkette mit Strom versorgt. Sein Lärmen steht in starkem Widerspruch zu dem an sich idyllischen Bild einer weihnachtlich geschmückten Tanne im nächtlichen Wald. Die Stromzufuhr wird immer wieder gestört oder unterbrochen, und die Lichter gehen in unregelmäßigen Rhythmus an und aus. Entsprechend nimmt das Knattern des Generators zu und ab. Anders als in „The Ritz“ verdecken die Leerstellen (die in dem einen Fall durch Überblendung, in diesem Fall durch Verdunkelung entstehen) nicht bestimmte Ereignisse, sondern es geschieht tatsächlich nichts weiter als dass Lichter an- und ausgehen. Die Momente, in denen der Generator zum Schweigen kommt, bedeuten Augenblicke einer wohltuenden Stille – in denen jedoch gleichzeitig auch das Bild den Blicken entzogen wird. In diesen Sekunden ist der „blackout“ komplett und kann nicht nur als Stromausfall oder Verdunkelung empfunden werden, sondern auch in seiner Bedeutung als Ohnmacht. Diese geht erst vorüber, wenn das Knattern wieder einsetzt und die Lichter am Tannenbaum erneut aufleuchten.
Es gibt keine weiteren Hinweise, keine Erklärung dafür, wieso nachts im Wald mit großem Aufwand ein leuchtender Weihnachtsbaum betrieben – und mit einer speziellen, für Dunkelheit geeigneten Kamera gefilmt – wird. Auch langes Ausharren vor dem Monitor bietet keinen Aufschluss. Wenn die Lichter auf der Tanne am hellsten scheinen, sind schwach die umstehenden Tannen zu erkennen. Wenn das Licht ganz erlischt, ist der dunkle Wand im Kontrast zu dem etwas helleren Nachthimmel zu sehen.
Anja Ciupka verzichtet hier auf jegliche Erzählung und lenkt so die ganze Aufmerksamkeit auf die bizarre Konstellation einer als Weihnachtsbaum geschmückten und mit viel Lärm betriebenen Tanne mitten im nächtlichen Wald. Einer weiteren narrativen Einbettung bedarf es nicht. Auch hier stellen sich dem Betrachter unweigerlich eine Vielzahl von Fragen: Wer hat die Tanne mitten im Wald weihnachtlich geschmückt? Wer hat sich die Mühe gemacht, den Generator eigens in den Wald zu schaffen? Und warum? Warum geht der Generator immer wieder aus? Und was geschieht, wenn er schließlich ganz ausfällt? Wird die Lichterkette dann stillschweigend wieder abgenommen? Ein sich hieraus ergebender reizvoller Gedanke ist die Vorstellung, dass sich die geschmückte Tanne in dem Moment, in dem der Betrachter das Video anschaut, noch irgendwo auf einer Waldlichtung steht – man müsste nur mit einem Generator in den Wald gehen und sie erneut zum Leuchten bringen...
All diese Überlegungen werden nicht ausgelöst, weil hier ein narrativer Rahmen geboten würde, sondern weil Anja Ciupka in „blackout“ mit so stark aufgeladenen Bildern wie dem dunklen Wald oder des Weihnachtsbaumes arbeitet. Es genügt, diese aus Erzählungen und Märchen vertrauten Bilder lediglich zu zeigen, um den Betrachter zum Narrativieren zu verleiten. Die steten Unterbrechungen durch das Ausfallen des Generators stören einerseits den Versuch eine kohärente Geschichte zu erschließen, eröffnen andererseits jedoch solch markante Lücken, dass es unumgänglich ist, sich sogleich von allen bekannten Geschichten über Weihnachtsbäume und finstre Wälder zu lösen, um nicht dem „blackout“ zum Opfer zu fallen.
Auf den ersten Blick zeigt das Video „Turn Over“ (2006) noch weniger: anfangs ist nur der Flur eines Bürogebäudes zu sehen. Ab und zu durchquert ein Mitarbeiter der Bank das Bild und geht den Gang entlang. Wie in „Überfall auf Meckis Ranch“, „The Ritz“ und „blackout“ bleibt die Kameraperspektive während des ganzen, neun Minuten währenden Videos unverändert. Erst nach ein paar Minuten betreten von links kommend einige Schafe die Bildfläche, die dank der Perspektive wie ein Bühnenraum wirkt. Der Überraschungseffekt ist einigermaßen groß, denn Umgebung und Tiere passen fraglos in keiner Weise zueinander. Die Schafe blicken kurz um sich und verlassen das Bild schließlich nach rechts. Sie sind eindeutig die Hauptdarsteller in diesem Stück, die Mitarbeiter werden eher als Statisten wahrgenommen. Dabei vollziehen sowohl die Tiere als auch die Menschen dieselbe, alltägliche Handlung, indem sie einen Gang entlanggehen, nur dass dies eben für eine Gruppe Schafe durchaus keine alltägliche Handlung ist!
Anja Ciupka hat diese Arbeit für die Westdeutsche Landesbank in Düsseldorf realisiert. Das Video wurde anschließend an genau jenem Ort ausgestellt, an dem die Aufnahmen entstanden waren, dem Flur zur Kantine der Bank. Anders als im Ausstellungsraum einer Galerie oder eines Museums ist dies ein Ort, an dem das Video eher im Vorbeigehen – auf dem Weg zum Mittagessen oder zurück ins Büro – wahrgenommen wurde. Es konnte also vorkommen, dass jemand, der tagtäglich an dem Monitor vorbeiging, die Schafe niemals zu Gesicht bekam, da ihr Auftritt relativ kurz ist. Die Künstlerin hatte diesen Umstand einkalkuliert. So konnte sich per Mundpropaganda verbreiten, dass offenbar zu einem bestimmten Zeitpunkt Schafe den Arbeitsplatz bevölkert haben müssen. Ein Gerücht war in die Welt gesetzt und Raum für Zweifel und Spekulationen da: Ist das, was auf dem Video zu sehen ist, wirklich passiert, oder handelt es sich bei dem Gezeigten nur um eine Montage, eine Fiktion, einen Trick?
Während in „Überfall auf Meckis Ranch“ der Alarmmast als Beweisstück und in „The Ritz“ der Leuchtschriftzug als Ortsangabe eine materielle Verbindung zwischen der erzählten Geschichte und dem Raum des Betrachters – also eine Verbindung zwischen dem erzählten Raum und dem Erzählraum – herstellen, ist diese Verbindung in „Turnover“ dadurch gegeben, dass das Video in dem Raum präsentiert wird, an dem es entstanden ist. Dies verschränkt die Realität des Videos mit der Realität des Ausstellungsraumes und verwischt, nicht zuletzt für die Mitarbeiter der Landesbank, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität endgültig.
In diesem Grenzbereich zwischen Fiktion und Realität bewegt sich Anja Ciupka mit Vorliebe. Um die Möglichkeiten auszuloten, die sich ihr dort bieten, nimmt sie im Grunde simple Eingriffe im Alltag vor, die
subtile Verschiebungen in der Wahrnehmung nach sich ziehen. Zudem bedient sie sich souverän narrativer Formen, die auf zugrundliegende Geschichten hinzuweisen scheinen, ohne diese Erwartung schließlich einzulösen.[4] Beides – das Verschieben vermeintlicher Gegebenheiten sowie der Einsatz vermeintlicher Erzählformen – fordert eine Bereitschaft zur Veränderung der Sichtweise und letztlich eine Veränderung der Position des Betrachters. Anja Ciupkas Arbeiten können so als Einladung verstanden werden, die Welt – und uns selbst in ihr – aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Ein prägnantes Bild für diese Haltung hat die Künstlerin mit ihrer Arbeit „Airstrip“ (Start- und Landebahn, 2006) gefunden. Das vierminütige Video zeigt aus verschiedenen Perspektiven eine Rampe am Rande des Daches eines ehemaligen Fabrikgebäudes. Die umliegenden Dächer sind zu sehen, der Blick auf Düsseldorf, der Himmel mit sich auftürmenden Wolken und durchscheinenden Sonnenstrahlen, aber auch der Blick direkt nach unten in den tristen Hof. Was ist das, eine Start- oder eine Landebahn, und für wen ist sie gedacht? Sie ist breit genug, um mit einem Auto auffahren zu können, jedoch wie sollte man mit einem Auto auf das Dach gelangen können? Und wohin würde die Fahrt oder gar der Flug gehen, in den Himmel oder auf den harten Asphalt? Was sehen wir, den Ausblick oder den Abgrund? Und was wollen wir sehen, Fantastisches oder Wirklichkeit (was immer das sein mag)?
Keine Frage: bei Anja Ciupka sehen wir alles zugleich. Dies gelingt der Künstlerin, indem sie die Betrachter in das Niemandsland zwischen allen Möglichkeiten führt. Hier ist jeder auf sich gestellt. Dafür gibt es an diesem Ort weder wahre noch falsche Geschichten, und es wird wahrlich ein weiter Ausblick in alle Richtungen geboten.
[1] Vgl. Werner Wolf: Das Problem der Narrativität in Literatur, bildender Kunst und Musik: Ein Beitrag zu einer intermedialen Erzähltheorie, in: Vera und Ansgar Nünning: Erzähltheorie transgenerisch, intermedial, interdisziplinär, Trier 2002, S.23-103
[2] Wolf S.52f.
[3] Die Künstlerin weist darauf hin, Prinzessin Diana das letzte Mal vor ihrem Unfalltod im Tunnel vor dem Ritz Hotel in Paris öffentlich auftrat. Die Bilder aus Paris und London ähneln sich frappierend. Die zugrundeliegende Geschichte erhält durch diesen Verweis noch eine zusätzliche Abgründigkeit
[4] In dem bereits erwähnten Aufsatz führt Wolf für solche 'Merkmale' den Begriff der „Narreme“ ein: „Faktoren von Narrativität; Kennzeichen, inhaltliche 'Hohlformen' und 'Syntaxregeln' des Narrativen. Dementsprechend können sie eingeteilt werden in qualitative (z.B. Sinndimension, Darstellungsqualität und Erlebnisqualität), inhaltliche (z.B. Zeit, Ort, antropomorphe Wesen, Geschehen) und syntaktische Narreme (z.B. Werk- bzw. textinterne Relevanz, formale und thematische Einheitsbildung, Relevanz).“ vgl. Wolf, S. 42 (Vgl. hierzu auch B.J. Scheuermann: Erzählstrukturen in der Zeitgenössischen Kunst, Diss. Köln 2005)